Koschka by  Bernd Terlau Es   war   ein   kalter   und   regnerischer   Novembertag.   Tief   standen   die   großen,   schwarzen   Gewitterwolken   am   bleigrauen   Himmel   über   ihm.   Hin   und   wieder   war   leiser,   ferner   Donner   zu hören.   Das   sich   ankündigende   Gewitter   war   zwar   noch   weit   weg,   aber   seit   den   frühen   Morgenstunden   hatte   der   Himmel   seine   Schleusen   geöffnet   und   ließ   es   beständig   regnen. Gleichmäßig. Monoton. Eisig   fuhr   der   Wind   in   starken   Böen   über   den   Friedhof,   trieb   neben   der   dichter   werdenden   Regenwand      loses   Blattwerk   vor   sich   her.   Nebenbei   entlaubte   er   die   Bäume   -   spielte   mit den elastischen Ästen der Trauerweide, tobte sich in ihnen aus. Der   stetig   undurchdringlicher   werdende,   kalte   Nebel   mit   seinen   wabernden   Wogen   in   schmutzigem   Weiß   verstärkte   die   düstere   Friedhofsstimmung,   verschob   die   Grenzen   der Realität ins Unwirkliche. Trugbilder   gaukelten   Geisterbilder   verstorbener   Ahnen   vor,   während   die   alte   Trauerweide   scheinbar   noch   einmal   jugendliches   Leben   eingehaucht   bekam,   um   mit   magischen   und beschwörenden Bewegungen ihrer Zweige jedes Unglück von dem kleinen, frisch ausgehobenen Kindergrab zu ihren Füßen fernzuhalten. Juri   war   allein   um   diese   Zeit,   der   einzige   Besucher   in   diesem   Teil   des   Friedhofes.   Nur   hier   gab   es   diese   kleinen   Gräber.   Sein   leerer   Blick   war   auf   den   frisch   aufgeworfenen   Grabhügel   zu Füßen des alten Baumes gerichtet, welcher nach und nach leise schmatzend und gurgelnd in sich zusammensank.  Er   nahm   weder   den   Regen   noch   sein   eisiges   Umfeld   wahr.   Außer   natürlichen   Geräuschen   herrschte   absolute   Stille,   die   durch   den   heraufziehenden   Dunst   noch   verstärkt   wurde   und nur   hin   und   wieder   von   den   nervös   und   hektisch   umher   flatternden,   sich   ständig   streitenden   Krähen   unterbrochen   wurde.   Aber   selbst   die   Totenvögel   verhielten   sich   anders   als   es ihrer Natur entsprach; fühlten sie wohl auch die Herrschaft des Todes und manches durch ihn verursachte, unsagbare Leid. Nichts   von   seinem   Umfeld   drang   zu   Gargarov   durch.   Er   saß   entrückt   auf   der   nur   wenige   Schritte   von   diesem   kleinen   Kindergrab   entfernten   Bank.   Das   spärliche,   herbstlich   gefärbte Laubwerk   der   alten   Platane   mit   ihren   weit   ausladenden   Ästen   über   ihm   verzögerte   nur   geringfügig   das   Durchnässen   seiner   Kleidung.   Tränen   rannen   aus   Augen,   in   denen   unbewältigter   Schmerz   tobte   -   aus denen   vor   etwas   mehr   als      einer   Woche   in   wenigen   Sekunden   die   Lebensfreude   gewichen   war.   Seine   kräftigen,   sehnigen   Hände,   die   Meisterwerke   der   Spieluhrenkunst   herstellen   konnten,   rangen   in   hilfloser, stummer Verzweiflung miteinander. Quälende   Erinnerungen   stiegen   in   ihm   hoch,   ließen   die   Seele   in   verzweifelter   Qual   aufschluchzen.   Der   unverarbeitete,   seelische   Schmerz,   aber   auch   hilflose   Wut   peinigten   ihn,   quälten   seinen   Körper   und raubten   ihm   den   Schlaf,   ließen   ihn   mit   seinem   Schicksal   hadern.   Es   war   ihm   alles   genommen   worden   und   auf   Hilfe   brauchte   er   nicht   zu   hoffen.   Für   ihn   hatte   das   Leben   seinen   Sinn   verloren.   Sein   dichtes, braunes Haar hatte sich grau, an manchen Stellen weiß gefärbt. Juri war um Jahre gealtert. Aber    nicht    nur    er    litt    unbeschreibliche,    innere    Qualen,    seine    Frau    Natalie    traf    es    noch    sehr    viel    härter.    Als    man    versuchte,    ihr    die    schreckliche    Nachricht    schonend    beizubringen,    erlitt    sie    einen Nervenzusammenbruch,   von   dem   sie   sich   nicht   mehr   erholte.   Sie   befand   sich   seit   diesem   Tag   in   ärztlicher   Behandlung   -   und   seit   zwei   Tagen   in   einer   geschlossenen   Psychiatrie.   Zunächst   nur   zur   Beobachtung, so   hieß   es,   aber   so,   wie   es   aussah,   würde   sie   wohl   auch   für   immer   dort   bleiben   -   und   mit   ihr   die   kleine   Puppe,   die   sie   für   Toma,   ihre   Tochter   hielt,   die   sie   verzweifelt   an   sich   preßte,      die   sie   küßte   und   herzte,   mit ihr lachte und der sie russische Kinderlieder vorsang.
KOSCHKA
Zuletzt überarbeitet: 22.06.2017
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Koschka by  Bernd Terlau Es       war       ein       kalter       und       regnerischer Novembertag.      Tief      standen      die      großen, schwarzen      Gewitterwolken      am      bleigrauen Himmel   über   ihm.   Hin   und   wieder   war   leiser, ferner    Donner    zu    hören.    Das    sich    ankündi- gende   Gewitter   war   zwar   noch   weit   weg,   aber seit     den     frühen     Morgenstunden     hatte     der Himmel   seine   Schleusen   geöffnet   und   ließ   es beständig regnen. Gleichmäßig. Monoton. Eisig   fuhr   der   Wind   in   starken   Böen   über   den Friedhof,    trieb    neben    der    dichter    werdenden Regenwand          loses     Blattwerk     vor     sich     her. Nebenbei   entlaubte   er   die   Bäume   -   spielte   mit den   elastischen   Ästen   der   Trauerweide,   tobte sich in ihnen aus. Der   stetig   undurchdringlicher   werdende,   kalte Nebel      mit      seinen      wabernden      Wogen      in schmutzigem      Weiß      verstärkte      die      düstere Friedhofsstimmung, verschob die Grenzen der Realität ins Unwirkliche. Trugbilder   gaukelten   Geisterbilder   verstorbener   Ahnen   vor,   während   die alte   Trauerweide   scheinbar   noch   einmal   jugendliches   Leben   eingehaucht bekam,    um    mit    magischen    und    beschwörenden    Bewegungen    ihrer Zweige   jedes   Unglück   von   dem   kleinen,   frisch   ausgehobenen   Kindergrab zu ihren Füßen fernzuhalten. Juri   war   allein   um   diese   Zeit,   der   einzige   Besucher   in   diesem   Teil   des Friedhofes.   Nur   hier   gab   es   diese   kleinen   Gräber.   Sein   leerer   Blick   war   auf den    frisch    aufgeworfenen    Grabhügel    zu    Füßen    des    alten    Baumes gerichtet,   welcher   nach   und   nach   leise   schmatzend   und   gurgelnd   in   sich zusammensank.  Er    nahm    weder    den    Regen    noch    sein    eisiges    Umfeld    wahr.    Außer natürlichen     Geräuschen     herrschte     absolute     Stille,     die     durch     den heraufziehenden   Dunst   noch   verstärkt   wurde   und   nur   hin   und   wieder von   den   nervös   und   hektisch   umher   flatternden,   sich   ständig   streitenden Krähen   unterbrochen   wurde.   Aber   selbst   die   Totenvögel   verhielten   sich anders   als   es   ihrer   Natur   entsprach;   fühlten   sie   wohl   auch   die   Herrschaft des Todes und manches durch ihn verursachte, unsagbare Leid. Nichts   von   seinem   Umfeld   drang   zu   Gargarov   durch.   Er   saß   entrückt   auf der   nur   wenige   Schritte   von   diesem   kleinen   Kindergrab   entfernten   Bank. Das   spärliche,   herbstlich   gefärbte   Laubwerk   der   alten   Platane   mit   ihren weit    ausladenden    Ästen    über    ihm    verzögerte    nur    geringfügig    das Durchnässen    seiner    Kleidung.    Tränen    rannen    aus    Augen,    in    denen unbewältigter    Schmerz    tobte    -    aus    denen    vor    etwas    mehr    als        einer Woche    in    wenigen    Sekunden    die    Lebensfreude    gewichen    war.    Seine kräftigen,     sehnigen     Hände,     die     Meisterwerke     der     Spieluhrenkunst herstellen    konnten,    rangen    in    hilfloser,    stummer    Verzweiflung    mitein- ander. Quälende     Erinnerungen     stiegen     in     ihm     hoch,     ließen     die     Seele     in verzweifelter   Qual   aufschluchzen.   Der   unverarbeitete,   seelische   Schmerz, aber   auch   hilflose   Wut   peinigten   ihn,   quälten   seinen   Körper   und   raubten ihm   den   Schlaf,   ließen   ihn   mit   seinem   Schicksal   hadern.   Es   war   ihm   alles genommen   worden   und   auf   Hilfe   brauchte   er   nicht   zu   hoffen.   Für   ihn hatte   das   Leben   seinen   Sinn   verloren.   Sein   dichtes,   braunes   Haar   hatte sich grau, an manchen Stellen weiß gefärbt. Juri war um Jahre gealtert. Aber   nicht   nur   er   litt   unbeschreibliche,   innere   Qualen,   seine   Frau   Natalie traf    es    noch    sehr    viel    härter.    Als    man    versuchte,    ihr    die    schreckliche Nachricht    schonend    beizubringen,    erlitt    sie    einen    Nervenzusammen- bruch,   von   dem   sie   sich   nicht   mehr   erholte.   Sie   befand   sich   seit   diesem Tag   in   ärztlicher   Behandlung   -   und   seit   zwei   Tagen   in   einer   geschlossenen Psychiatrie.   Zunächst   nur   zur   Beobachtung,   so   hieß   es,   aber   so,   wie   es aussah,   würde   sie   wohl   auch   für   immer   dort   bleiben   -   und   mit   ihr   die kleine   Puppe,   die   sie   für   Toma,   ihre   Tochter   hielt,   die   sie   verzweifelt   an sich   preßte,      die   sie   küßte   und   herzte,   mit   ihr   lachte   und   der   sie   russische Kinderlieder vorsang.
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Koschka by  Bernd Terlau Es     war     ein     kalter und         regnerischer Novembertag.      Tief standen   die   großen, schwarzen   Gewitter- wolken   am   bleigrau- en      Himmel      über ihm.   Hin   und   wieder war      leiser,      ferner Donner     zu     hören. Das     sich     ankündi- gende   Gewitter   war zwar   noch   weit   weg, aber   seit   den   frühen Morgenstunden   hat- te   der   Himmel   seine Schleusen     geöffnet und           ließ           es beständig       regnen. Gleichmäßig. Monoton. Eisig   fuhr   der   Wind   in   starken   Böen   über   den Friedhof,   trieb   neben   der   dichter   werdenden Regenwand        loses    Blattwerk    vor    sich    her. Nebenbei   entlaubte   er   die   Bäume   -   spielte   mit den   elastischen   Ästen   der   Trauerweide,   tobte sich in ihnen aus. Der   stetig   undurchdringlicher   werdende,   kalte Nebel     mit     seinen     wabernden     Wogen     in schmutzigem     Weiß     verstärkte     die     düstere Friedhofsstimmung,   verschob   die   Grenzen   der Realität ins Unwirkliche. Trugbilder    gaukelten    Geisterbilder    verstorbe- ner   Ahnen   vor,   während   die   alte   Trauerweide scheinbar     noch     einmal     jugendliches     Leben eingehaucht    bekam,    um    mit    magischen    und beschwörenden     Bewegungen     ihrer     Zweige jedes      Unglück      von      dem      kleinen,      frisch ausgehobenen     Kindergrab     zu     ihren     Füßen fernzuhalten. Juri    war    allein    um    diese    Zeit,    der    einzige Besucher   in   diesem   Teil   des   Friedhofes.   Nur hier   gab   es   diese   kleinen   Gräber.   Sein   leerer Blick     war     auf     den     frisch     aufgeworfenen Grabhügel      zu      Füßen      des      alten      Baumes gerichtet,      welcher      nach      und      nach      leise schmatzend   und   gurgelnd   in   sich   zusammen- sank.  Er   nahm   weder   den   Regen   noch   sein   eisiges Umfeld    wahr.    Außer    natürlichen    Geräuschen herrschte     absolute     Stille,     die     durch     den heraufziehenden   Dunst   noch   verstärkt   wurde und   nur   hin   und   wieder   von   den   nervös   und hektisch      umher      flatternden,      sich      ständig streitenden   Krähen   unterbrochen   wurde.   Aber selbst   die   Totenvögel   verhielten   sich   anders   als es   ihrer   Natur   entsprach;   fühlten   sie   wohl   auch die   Herrschaft   des   Todes   und   manches   durch ihn verursachte, unsagbare Leid. Nichts   von   seinem   Umfeld   drang   zu   Gargarov durch.    Er    saß    entrückt    auf    der    nur    wenige Schritte      von      diesem      kleinen      Kindergrab entfernten     Bank.     Das     spärliche,     herbstlich gefärbte   Laubwerk   der   alten   Platane   mit   ihren weit   ausladenden   Ästen   über   ihm   verzögerte nur      geringfügig      das      Durchnässen      seiner Kleidung.   Tränen   rannen   aus   Augen,   in   denen unbewältigter   Schmerz   tobte   -   aus   denen   vor etwas    mehr    als        einer    Woche    in    wenigen Sekunden    die    Lebensfreude    gewichen    war. Seine       kräftigen,       sehnigen       Hände,       die Meisterwerke    der    Spieluhrenkunst    herstellen konnten,       rangen       in       hilfloser,       stummer Verzweiflung miteinander. Quälende   Erinnerungen   stiegen   in   ihm   hoch, ließen      die      Seele      in      verzweifelter      Qual aufschluchzen.    Der    unverarbeitete,    seelische Schmerz,   aber   auch   hilflose   Wut   peinigten   ihn, quälten   seinen   Körper   und   raubten   ihm   den Schlaf,   ließen   ihn   mit   seinem   Schicksal   hadern. Es   war   ihm   alles   genommen   worden   und   auf Hilfe   brauchte   er   nicht   zu   hoffen.   Für   ihn   hatte das   Leben   seinen   Sinn   verloren.   Sein   dichtes, braunes    Haar    hatte    sich    grau,    an    manchen Stellen     weiß     gefärbt.     Juri     war     um     Jahre gealtert. Aber   nicht   nur   er   litt   unbeschreibliche,   innere Qualen,   seine   Frau   Natalie   traf   es   noch   sehr viel     härter.     Als     man     versuchte,     ihr     die schreckliche     Nachricht     schonend     beizubrin- gen,    erlitt    sie    einen    Nervenzusammenbruch, von    dem    sie    sich    nicht    mehr    erholte.    Sie befand     sich     seit     diesem     Tag     in     ärztlicher Behandlung    -    und    seit    zwei    Tagen    in    einer geschlossenen    Psychiatrie.    Zunächst    nur    zur Beobachtung,    so    hieß    es,    aber    so,    wie    es aussah,   würde   sie   wohl   auch   für   immer   dort bleiben   -   und   mit   ihr   die   kleine   Puppe,   die   sie für   Toma,   ihre   Tochter   hielt,   die   sie   verzweifelt an   sich   preßte,      die   sie   küßte   und   herzte,   mit ihr   lachte   und   der   sie   russische   Kinderlieder vorsang.
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