Der Spiegel by Bernd Terlau Seit diesen seltsamen Ereignissen auf "Ghislaine Manor" habe ich panische Angst! Gequält und zermürbt läßt sie mich nachts in klebrigem, stinkendem Schweiß gebadet aufwachen. Wenn   ich   mich   recht   erinnere,   geschah   alles   vor   wenigen   Wochen   an   meinem   Geburtstag.   Ich   hätte   das   erste,   subtile   und   so   unscheinbar   aussehende   Anzeichen   im      Spiegel   nur richtig   wahrnehmen,   richtig   deuten   müssen.   Vielleicht   würden   sich   dann   die   Dinge   anders   entwickelt   haben,   aber   seit   diesem   Tag   bin   ich   Opfer   einer      undefinierbaren,   nicht greifbaren  Angst. Übrigens, ich bin Jonathan Copperfield, II. Ich   wohne   oder   besser   gesagt,   ich   wohnte   allein   in   „Ghislaine   Manor“.   Dieses   Anwesen   war   bis   vor   ein   paar   Generationen   noch   ein   schöner,   herrschaftlicher   Landsitz.   Heute   ist   es   ein vom Verfall gezeichnetes Gemäuer. „Ghislaine   Manor“   liegt   außerhalb   der   Stadt,   inmitten   einer   grandiosen   Moorlandschaft,   die   jedes   Jahr   viele   Maler   und   Naturfotografen   anzog,   hatte   man   doch   von   den   oberen   Etagen des Hauses eine wunderbare Fernsicht über und auf das faszinierende Moor. Bis   vor   einem   Jahr   hatte   ich   mir   durch   das   Vermieten   einiger   Zimmer   noch   ein   Zubrot   hinzuverdienen   können.   Nachdem   das   Dach   von   den   letzten   Herbststürmen   arg   mitgenommen wurde,   einige   Fensterscheiben   in   den   oberen   Stockwerken   zerbrochen   waren   und   mangels   Geld   nicht   repariert   werden   konnten,   musste   ich   sie   mit   Brettern   verschließen.   Die   Mieter blieben   natürlich   aus   und   die   Banker   versteinerten   bis   ins   Rückenmark,   wenn   sie   meiner   ansichtig   wurden.   Sie   hatten   ihre   eigene   Meinung   zu   diesem   verfallenden   Bauwerk;   eine ähnliche wie Marjorie.  Meine   Schwester   fand   es   nie   wirklich   gut,   daß   ich   an   diesem   alten   und   verrottenden   Steinhaufen,   wie   sie   ihn   nannte,   hing,   auch   wenn   dieser   marode   Landsitz   mit   seiner   großen Parkanlage   und   den   umliegenden   Ländereien,   die   nur   den   nötigsten   Ertrag   zum   Überleben   einbrachten,   das   einzige   war,   was   seit   Generationen   in   der   Familie   weitervererbt   wurde. Mehr als nur einmal versuchte sie, mich zum Verkauf dieser „Ruine“ zu bewegen, aber bisher konnte ich mich dazu einfach nicht entschließen. * Vor   dem   Haus   befand   sich   ein   großer   Teich,   der   sich   über   die   gesamte   Breite   der   Häuserfront   erstreckte.   Es   war   ein   ehemaliger   See,   dessen   Uferregion   vor   Generationen   eingefasst   wurde.   Ein   kleiner   Bach speiste   ihn   –   damals.   Vor   zwei   oder   drei   Jahren   legte   man      dieses   Rinnsal   im   Zuge   der   Stadterweiterung   trocken   und   sowohl   Zu-   und   Abfluß   dieses   Weihers   wurden   auf   Kosten   der   Stadt   zugemauert,   sodaß   er mir wenigstens als stehendes Gewässer erhalten blieb. Er durfte und sollte niemals trocken gelegt werden. Zu viele Geheimnisse befanden sich auf seinem Grund, die auch besser dort unten blieben.
DER SPIEGEL
Zuletzt überarbeitet: 23.06.2017
Leseproben Leseproben fliphtml5.com fliphtml5.com yumpu.com yumpu.com BookRix.de BookRix.de
Der Spiegel by Bernd Terlau Seit       diesen       seltsamen       Ereignissen       auf "Ghislaine    Manor"    habe    ich    panische    Angst! Gequält   und   zermürbt   läßt   sie   mich   nachts   in klebrigem,       stinkendem       Schweiß       gebadet aufwachen. Wenn    ich    mich    recht    erinnere,    geschah    alles vor   wenigen   Wochen   an   meinem   Geburtstag. Ich   hätte   das   erste,   subtile   und   so   unscheinbar aussehende   Anzeichen   im      Spiegel   nur   richtig wahrnehmen,   richtig   deuten   müssen.   Vielleicht würden   sich   dann   die   Dinge   anders   entwickelt haben,   aber   seit   diesem   Tag   bin   ich   Opfer   einer     undefinierbaren, nicht greifbaren  Angst. Übrigens, ich bin Jonathan Copperfield, II. Ich    wohne    oder    besser    gesagt,    ich    wohnte allein    in    „Ghislaine    Manor“.    Dieses    Anwesen war    bis    vor    ein    paar    Generationen    noch    ein schöner,     herrschaftlicher     Landsitz.     Heute     ist     es     ein     vom     Verfall gezeichnetes Gemäuer. „Ghislaine   Manor“   liegt   außerhalb   der   Stadt,   inmitten   einer   grandiosen Moorlandschaft,   die   jedes   Jahr   viele   Maler   und   Naturfotografen   anzog, hatte   man   doch   von   den   oberen   Etagen   des   Hauses   eine   wunderbare Fernsicht über und auf das faszinierende Moor. Bis   vor   einem   Jahr   hatte   ich   mir   durch   das   Vermieten   einiger   Zimmer noch   ein   Zubrot   hinzuverdienen   können.   Nachdem   das   Dach   von   den letzten   Herbststürmen   arg   mitgenommen   wurde,   einige   Fensterscheiben in   den   oberen   Stockwerken   zerbrochen   waren   und   mangels   Geld   nicht repariert   werden   konnten,   musste   ich   sie   mit   Brettern   verschließen.   Die Mieter    blieben    natürlich    aus    und    die    Banker    versteinerten    bis    ins Rückenmark,   wenn   sie   meiner   ansichtig   wurden.   Sie   hatten   ihre   eigene Meinung zu diesem verfallenden Bauwerk; eine ähnliche wie Marjorie.  Meine   Schwester   fand   es   nie   wirklich   gut,   daß   ich   an   diesem   alten   und verrottenden   Steinhaufen,   wie   sie   ihn   nannte,   hing,   auch   wenn   dieser marode   Landsitz   mit   seiner   großen   Parkanlage   und   den   umliegenden Ländereien,   die   nur   den   nötigsten   Ertrag   zum   Überleben   einbrachten, das    einzige    war,    was    seit    Generationen    in    der    Familie    weitervererbt wurde.    Mehr    als    nur    einmal    versuchte    sie,    mich    zum    Verkauf    dieser „Ruine“    zu    bewegen,    aber    bisher    konnte    ich    mich    dazu    einfach    nicht entschließen. * Vor   dem   Haus   befand   sich   ein   großer   Teich,   der   sich   über   die   gesamte Breite   der   Häuserfront   erstreckte.   Es   war   ein   ehemaliger   See,   dessen Uferregion   vor   Generationen   eingefasst   wurde.   Ein   kleiner   Bach   speiste ihn   –   damals.   Vor   zwei   oder   drei   Jahren   legte   man      dieses   Rinnsal   im   Zuge der   Stadterweiterung   trocken   und   sowohl   Zu-   und   Abfluß   dieses   Weihers wurden   auf   Kosten   der   Stadt   zugemauert,   sodaß   er   mir   wenigstens   als stehendes Gewässer erhalten blieb. Er   durfte   und   sollte   niemals   trocken   gelegt   werden.   Zu   viele   Geheimnisse befanden sich auf seinem Grund, die auch besser dort unten blieben.
DER SPIEGEL
Zuletzt überarbeitet: 23.06.2017
Leseproben Leseproben fliphtml5.com fliphtml5.com yumpu.com yumpu.com BookRix.de BookRix.de
Der Spiegel by Bernd Terlau Seit   diesen   seltsam- en     Ereignissen     auf "Ghislaine       Manor" habe     ich     panische Angst!    Gequält    und zermürbt      läßt      sie mich    nachts    in    kle- brigem,    stinkendem Schweiß         gebadet aufwachen. Wenn   ich   mich   recht erinnere,        geschah alles      vor      wenigen Wochen   an   meinem Geburtstag.            Ich hätte       das       erste, subtile    und    so    un- scheinbar               aus- sehende    Anzeichen    im        Spiegel    nur    richtig wahrnehmen,        richtig        deuten        müssen. Vielleicht   würden   sich   dann   die   Dinge   anders entwickelt   haben,   aber   seit   diesem   Tag   bin   ich Opfer   einer      undefinierbaren,   nicht   greifbaren     Angst. Übrigens, ich bin Jonathan Copperfield, II. Ich    wohne    oder    besser    gesagt,    ich    wohnte allein    in    „Ghislaine    Manor“.    Dieses    Anwesen war   bis   vor   ein   paar   Generationen   noch   ein schöner,   herrschaftlicher   Landsitz.   Heute   ist   es ein vom Verfall gezeichnetes Gemäuer. „Ghislaine    Manor“    liegt    außerhalb    der    Stadt, inmitten   einer   grandiosen   Moorlandschaft,   die jedes    Jahr    viele    Maler    und    Naturfotografen anzog,   hatte   man   doch   von   den   oberen   Etagen des   Hauses   eine   wunderbare   Fernsicht   über und auf das faszinierende Moor. Bis    vor    einem    Jahr    hatte    ich    mir    durch    das Vermieten    einiger    Zimmer    noch    ein    Zubrot hinzuverdienen    können.    Nachdem    das    Dach von        den        letzten        Herbststürmen        arg mitgenommen   wurde,   einige   Fensterscheiben in   den   oberen   Stockwerken   zerbrochen   waren und     mangels     Geld     nicht     repariert     werden konnten,      musste      ich      sie      mit      Brettern verschließen.   Die   Mieter   blieben   natürlich   aus und      die      Banker      versteinerten      bis      ins Rückenmark,      wenn      sie      meiner      ansichtig wurden.    Sie    hatten    ihre    eigene    Meinung    zu diesem    verfallenden    Bauwerk;    eine    ähnliche wie Marjorie.  Meine   Schwester   fand   es   nie   wirklich   gut,   daß ich      an      diesem      alten      und      verrottenden Steinhaufen,    wie    sie    ihn    nannte,    hing,    auch wenn     dieser     marode     Landsitz     mit     seiner großen     Parkanlage     und     den     umliegenden Ländereien,   die   nur   den   nötigsten   Ertrag   zum Überleben   einbrachten,   das   einzige   war,   was seit   Generationen   in   der   Familie   weitervererbt wurde.    Mehr    als    nur    einmal    versuchte    sie, mich   zum   Verkauf   dieser   „Ruine“   zu   bewegen, aber   bisher   konnte   ich   mich   dazu   einfach   nicht entschließen. * Vor   dem   Haus   befand   sich   ein   großer   Teich, der      sich      über      die      gesamte      Breite      der Häuserfront   erstreckte.   Es   war   ein   ehemaliger See,     dessen     Uferregion     vor     Generationen eingefasst   wurde.   Ein   kleiner   Bach   speiste   ihn –   damals.   Vor   zwei   oder   drei   Jahren   legte   man     dieses   Rinnsal   im   Zuge   der   Stadterweiterung trocken    und    sowohl    Zu-    und    Abfluß    dieses Weihers      wurden      auf      Kosten      der      Stadt zugemauert,     sodaß     er     mir     wenigstens     als stehendes Gewässer erhalten blieb. Er    durfte    und    sollte    niemals    trocken    gelegt werden.   Zu   viele   Geheimnisse   befanden   sich auf   seinem   Grund,   die   auch   besser   dort   unten blieben.
DER SPIEGEL
Zuletzt überarbeitet: 23.06.2017
Leseproben Leseproben fliphtml5.com fliphtml5.com yumpu.com yumpu.com BookRix.de BookRix.de